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Text zu Bildern von Steffi Deparade-Becker von Regina Niemann

Die Bilder von Steffi Deparade-Becker versetzen uns sanft aber zwingend in eine aufmerksame, sensible Stille. Wir kommen dabei nicht zur Ruhe, aber wir müssen uns ihnen zuwenden: schauen - warten - schauen, fühlen, denken, eine Ahnung aufsteigen lassen.

Sonst kämen wir nur an die Oberfläche dieser Kunst. Wendet das Bild sich uns aber zu, dann könnte es zugehen wie beim Alchimisten, der im Feuer Metall schmilzt, wieder und wieder, und damit einen langen Prozess der Reinigung in Gang setzt, der auch ihn selbst ergreift. 3 Elemente prägen diesen Vorgang: das Geistige, das Stoffliche, die Wandlung.

Mir erscheinen die Werke von S.D.-B. wie ein solches Ritual. Ihre Form entsteht wie ein Bauwerk in einem schöpferischen Akt, der die Gesetze der Gestaltung bis in die Tiefe beherrscht und achtet. Ihre Farben spiegeln eine Realität, die schon durch Feuerbrände der Erfahrung gegangen ist. Die Symbolsprache der Farben hat die Künstlerin intellektuell erforscht, ihre Wirkung über das Unterbewusstsein selbst durchlebt Und so bekommt das Stoffliche von Farbe, Papier und Collage, von Überzeichnung und Übermalung mit Öl und manchmal Tempera auch eine magische Dimension. Werden wir dann von Magie des Bildes in die Tiefe gezogen, treffen wir plötzlich auf prosaische Details, auf gegenständliche Elemente, die uns zurückholen in die reale Sachwelt. Treten wir aber ein paar Schritte zurück oder gar bis zur gegenüberliegenden Wand, so schließt sich die Form auf erstaunliche Weise  zu einer Inkunabel der Bildidee.Wie aus dem Feuer des Alchimisten der Geist des Erzes herausglüht, so liegt die künstlerische Botschaft des Bildes  zwischen den fein verwobenen Schichtungen eines sinnlichen Bedeutungsgeflechtes, das unsere Lust auf Erkenntnis ebenso befriedigt wie unsere Sehnsucht nach dem Verborgenen, Geheimnisvollen, nach den Mysterien. Die geistige Welt der Künstlerin verwandelt sich in eine Stoffliche von Farbe und Form, die Collage schmilzt das Abbild der Welt direkt mit ein. S.D.-B. ist wohl eine intellektuelle Malerin mit dem kulturellen Erbe alchimistischer Berufung im Blut, wie sonst wären diese unnachahmlich feinen, tiefglühenden Farbräume , oder die eigenwilligen Übermalungen zu erklären, die ihre Bilder zu einem Balanceakt zwischen kühl tektonisch Gebautem und archetypischen Visionen macht.
Ich sehe eine Seelenverwandtschaft zu Per Kirkeby, der von sich sagt: „Als ein Nachkomme Pollocks lebe ich natürlich im Universum des Details. Vielleicht aber dort,… wo man nicht weiß, ob große Dinge kleine Dinge sind, ob etwas ähnlich ist oder nur sein malerischer Stoff.“

In diesem Erlebniskreis locken uns ihre Dinge und ihre Malerei. So gräbt sich in einen Rückenakt mit schwer aufgestütztem Kopf ein bedrohliches Detail in den Hals. „Bedrohung II“ nennt die Künstlerin das Bild. Und der altmeisterlich und modern anmutende gespannte Körper ruft in seinem Umfeld ein paradoxes Gefühl der Faszination an diesem Inkarnat hervor. Immer wieder gleitet der Blick über die Haut, die wellenartig über den oberen Teil des Bildes läuft und leicht, fast schwebend eine bedrohliche Angst verkörpert.

In anderen Bildern finden wir die Disbalance schon  in der Konstruktion des Bildraumes, indem uns die Künstlerin die zuverlässige Ebene des Betrachtens verschiebt in ein seltsam berührendes Ungleichgewicht. Blickwinkel, Perspektiven, scheinbare Spiegelungen oder eigenwillig gekippte Ebenen geben der Realität auf dem Bild eine zweite und dritte und manchmal auch irrationale Dimension. Sie erzeugen Gefühle der Unsicherheit, der Sinnenfreude am Ungewöhnlichen, des kurzzeitigen Unbehagens und des Staunens über die sich ständig wandelnde Sicht.

Collagen verselbständigen sich bei näherem Hinsehen als Verschraubung, eine New Yorker Straßenschlucht, als Amöbe; ein Geschwader von Doppeldeckern, Augen in einem verborgenen Gesicht, Gräser in der Spiegelung von Brillengläsern und oft architektonischen Details - und im nächsten Moment sehen wir das nur noch als Farb- und Formelement.

Es erscheint mir schwierig, das wirkliche Geheimnis dieser zunächst so zurückhaltend daherkommenden Bilder in Worte zu fassen. Die Intensität und Kraft ihrer Ausstrahlung beruht auf dem meisterhaften Verschmelzen von Malerei und Collage zu etwas Neuem, Ganzheitlichen. Lichträume, organische Formen, kunsthistorische Zitate, Metall, Haut, Glas, Technik finden ihren Platz wie Wind und Wärme, Kristallenes und Gewebtes, Gedachtes und Gefühltes. Und die Künstlerin scheut sich nicht, ihre zeitgemäße Formsprache in ein Farbkonzept zu fassen, dass ebenso an Rembrandt wie an die Explosion der Farben der Expressionisten erinnert. Aber jeder noch so kleine Raum des Bildes ist ein eigenes in sich geschlossenes Stück der Kunst.

S.D.-B. selbst beschreibt das Fragmentarische, das sie aufgreift, als Sehgewohnheit der Jetztzeit. Aber meine Assoziationen und ästhetischen Erfahrungen führen mich noch in eine andere Richtung: in die selbstverständlich als Realität betrachtete mythische, legendäre und psychische Welt, die z.B. in die Werke von Garcia Marquez oder Goya einfließt; oder sie erinnern an den Umgang mit Farbe, Licht und Raum in expressionistischen Dramen der zwanziger Jahre, von denen sich Toller, Kaiser und Sternheim einen ungeheuerlichen Eindruck auf den Besucher des Theaters erhofften. Oder ich denke an komplexe Wahrnehmungen in allen Kulturen, die mit Natur und kosmischen Kräften noch im Einklang lebten und die in ihrer Kunst eben jene Verschmelzung von Klein und Groß, von Teil und Ganzem, von Gottheit und Mensch offenbaren.

S.D.-B. kommt auf der Suche nach dem tieferen Sinn des Lebens ihrer Wesensart entgegen, in der Welt starker Emotionen und den Kraftfeldern des Rationalen gleichermaßen zu Hause zu sein. Und so gelingt es ihr, kunsthistorische Traditionen zu verinnerlichen, um eine ihren Botschaften angemessene zeitgemäße Kunst zu schaffen.


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