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Text zu Bildern von Steffi Deparade- Becker von Karin Weber (Kunstwissenschaftlerin u. Kuratorin)

 

„Der unendliche Augenblick“, das ist doch die Ewigkeit der Erinnerung, der Gedanken und Träume, der Apokalypsen und der Lust am Dasein, der Abschiede – ein Schweben.

Die Bildpoesie von Steffi Deparade-Becker impliziert rätselhafte Geschichten und Schichtungen, die ineinander überzugehen scheinen und sich wieder auflösen in Farbschleiern. Momentaufnahmen - ausgewischt, verwischt, gefrorene Zeit. Stille ist gepaart mit Bewegung. Es handelt sich um eine Kunst, die einem reichen Innenleben entspricht, erhaben über zeitliche und räumliche Messbarkeit, die eigenen Gesetzmäßigkeiten verbunden ist. Vertrautes und Imaginäres, Findungen und Erfindungen, Architektur und Landschaft, Atmosphärisches und Abstraktes, eine Kälte und eine Zärtlichkeit sind miteinander verbunden. Es lebt das Prinzip von Makro- und Mikrokosmos in diesen fragilen Irrgärten des Verstandes. Fremdheiten wachsen und schweben und bilden Zusammenhänge, aus denen Steffi Deparade-Becker ihre Wahrheiten destilliert, den verschlüsselten Geheimnissen unserer Seele gleich, in denen wir entfernte Zeiten und Wirklichkeiten gleichzeitig erleben, in denen die Ungleichzeitigkeit des Raumes in Zeitlosigkeit mündet.

Die Arbeiten erschließen sich nicht im Vorübergehen. Sie wahren ihre Geheimnisse in einer Stille, die immer lauter wird und splittert wie Glas, schneidet wie Glas, wenn man hinter die Spiegelungen schauen kann. Steffe Deparade-Becker sensibilisiert den Betrachter, der verweilt, für innere Wahrheiten, für das Dahinter, Dazwischen, für unsichtbare Inhalte. Die Werke lösen Empfindungen und Assoziationen aus, wenn wir uns mit Entdeckerfreude auf sie einlassen, sie mit den Augen ertasten, sie erspüren nach ihren Geheimnissen und Labyrinthen, über Formen und Farben, über Nähe und Distanz.

Einen besonderen Reiz beziehen die Arbeiten aus der subtilen Verbindung von Malerei und Collage. Wobei die Collage sich oftmals erst nach genauem Hinschauen offenbart und doch eigentlich Anlass für das Bild gewesen ist.
Es ist ein Gespräch mit der Stille, die mitunter auch quälen kann.

Die Künstlerin liebt keine Pathosformeln, keine schwülstige Geschwätzigkeit oder gar unüberlegte, leidenschaftliche Ausbrüche. Mit einer beachtlichen Konsequenz in der Reduktion auf ein Gerüst an Horizontalen und Vertikalen, verarbeitet sie mit sensiblem Gespür für feinste malerische Farbvibrationen ihre Erfahrungen und Erinnerungen, Schicht um Schicht, mit serieller Hingabe.
„The perpetuum moment“ nennt sie bewusst doppelsinnig ihre Präsentation mit ausgewählten Bildern und Zeichnungen.
Der „unendliche Augenblick“ ist eine rätselhafte Orakelstätte, Ort der Imagination, Ort der emotionalen Reserven und Rückzugsgebiet. Sie ist eine gute Beobachterin natürlicher Gegebenheiten, die sie zu malerischen Ereignissen auf der Fläche verwandelt. Es ist erstaunlich aus wie vielen Farben sie ein Grau mischen kann.

Diese Arbeiten bieten in ihrer kargen Form- und Farbkultur dem Betrachter keine leichten, emotionalen Einstiegsmöglichkeiten an.
Sie spiegeln nicht eine Welt des schönen Scheins wider. Sie stehen für den Versuch, in unserer Zeit des schnellen Verbrauchs von Bildern, noch ehrliche Zeichensetzungen zu geben. Was zuerst erstaunt angesichts ihrer Arbeiten, ist die Konsequenz, mit der Steffi Deparade-Becker ihre künstlerische Handschrift und ihr Thema gefunden hat.

Die Suche nach einer Möglichkeit, von einer subjekt erfahrenen Wirklichkeit, zu einer allgemeinen, einer anderen, unverfälschten Formulierung zu kommen, kennzeichnet ihre Arbeitsweise, die einem wachsenden Strömen gleicht. Sie wendet sich der Wirklichkeit zu, die sich gelegentlich ins Ungegenständliche auflöst. Man findet auf den Arbeiten nirgends Handlung, sondern eher eine Zuständlichkeit. Vor den Bildern wird man immer wieder unsicher werden, denn sie geben nicht genau das wider, was sie auf den ersten Blick verheißen.Es handelt sich hier um eine Sphäre innerer Konkretheit, wie sie in der realen Erscheinungswelt nur selten aufscheint. Es sind Erfindungen einer reinen Bildwirklichkeit, genährt vom Augensinn der Erfahrung. In den Bildern herrscht das intellektuelle Klima eines Erkenntnisprozesses, der die sichtbaren Wirklichkeiten nur dann versteht, wenn er sie verwandelt.

Alles Erklärende ist weggelassen. Und so reduziert sie ihre Landschaftserfahrungen auf Elementares, wobei die Assoziationsgewohnheiten des Betrachters sich anfangs versagen. Man muss sich einsehen.

Die Arbeiten sind ebenso geschichtsgebunden, wie subjektiv, ebenso aufbauend, wie vom Verzicht getragen, ebenso schön und ästhetisierend, ebenso konkret wie poetisch. Strenge horizontale oder vertikale Schichtungen werden rhythmisch durch Farbefelder gegliedert. Hier herrscht kein phantasiefeindliches Reißbrettdogma. Assoziationen an Landschaft, an Stadtarchitekturen, an gestaffelte Räume, ohne Zurhandnahme von klassischer Perspektive, sondern nur durch psychologisch wirkende Farbkontraste, drängen sich bei näherer Betrachtung in den meditativ gestimmten Bildtafeln auf. Umso mehr, wenn man die malerische Substanz berücksichtigt, diese übereinander gelagerten Horizonte mit den verfließenden Grenzen.

Eine schwebende Melancholie wird fühlbar in den Schattenrissen von Vergangenem, das unmerklich unter den Farbschichten hervorleuchtet – Collagen aus Illustrierten und Zeitungen. Nichts wird jedoch zur Eindeutigkeit ausformuliert, nichts wird dechiffriert und nichts als Tatbestand denunziert.

Steffi Deparade-Becker liebt das Geheimnisvolle und die damit verbundene Beunruhigung. Balance und Instabilität, Ruhe und Vibration bedingen einander und sorgen für Irritation und das macht die Arbeiten so interessant. Aus allem scheinen die Konturen einer Künstlerpersönlichkeit auf, der es weniger um die Fixierung wechselnder Erscheinungsbilder geht, als um Gedanken, die aus den Beziehungen zu den Dingen des Alltags entstehen. Aus Nähe und Ferne, Prägnanz und Andeutung, aus Farbklang und Atmosphäre wird eine persönliche Erlebniswelt spürbar, die den Betrachter nicht ausschließt, sondern ihn in den glücklichsten Momenten mit einschließt.Farbe ist Grund und Form in einem. Der Flächenkontrast allein bewirkt Raumgefühl.

Steffi Deparade-Becker ist Malerin, sie kennt das Gestern und das Morgen. Und somit sind ihre Bildfindungen auch nichts Endgültiges, sondern werden als offen und veränderbar verstanden. So wechseln feste, statische Begrenzungen mit Lockerheit und Aufbruch und Durchblicken. So sind die Arbeiten eine ganz persönliche Landnahme, um in den Dunkelheiten des Jetzt das Licht zu finden. Zuweilen ist die Farbe kompakt und opak, dann wieder luzid und zart. Zu einem melancholischen Grundton gesellt sich zuweilen ein heiter, musikalischer Aspekt, wenn Pink, Ocker oder Hellblau im Schachtelsatz komponiert werden.
Horizonte, Felder, Himmel, leere Räume, Straßen, Häuser – Traumsequenzen einer Wirklichkeitserfahrung im „Hinterland“.
Ein Klangbild – Zärtlichkeit, Hingabe, Traum, ein Verklingen im sanften Aneinander, Verharren dort, wo Stille sich nicht hinterfragt… sich verströmen und immer wieder neu geboren werden im Alltagsgrau der Straßen. Einsamkeit. Sehnsucht, die aus der Dunkelheit wächst, und die man Liebe nennt…Der Betrachter wird angeregt, auf Abwege zu geraten, sich assoziierend hineinzusehen in diese atmende, zuerst distanzierte, dann aus sich selbst herausleuchtende, flüchtige, kaum fassbare Bildsubstanz zwischen einem Noch-Nicht und Nicht-Mehr – in einem unendlichen Moment.

Es gibt eine Spielart des Lesens, die über den Zustand der Alphabetisierung hinausgeht, wenn man Lesen mit Denken gleichsetzt, mit Assoziieren und als produktive Leistung bewertet, als Lust an der Irritation durch Andeutungen. Steffi Deparade-Becker beherrscht diese Spielart und liest die Zeichen ihrer Zeit in einer Einzigartigkeit, die dem obdachlos gewordenem, sensiblen Menschen, eine neue Heimstatt gibt. Sie gestaltet das Land Nirgendwo und das liegt an der Grenze von Endlichkeit und Unendlichkeit, indem sie in die Spalten dieser Welt sieht. Sie teilt uns etwas mit von der Energie des Verschwindens, dieser Momentaufnahme des Vergehens, des Verwischens und schärft die Sinne für Zwischentöne, für diese sinnlichen Fata Morganen, die die Phantasie anregen und uns zu uns selbst finden lassen, wenn wir gewillt sind, diese Zuständlichkeit zuzulassen.

Karin Weber 

Text: cobyright© bei Karin Weber
Dresden, den 8.11.2007


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